3. Festival Jazzwelten 2007

GRENZEN ERWEITERN – DIGITAL IMPROVISIEREN

Vortrag von Mathias Bäumel mit anschließender Diskussion
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Sonntag
25. Mrz 2007
11:00 Uhr
Als Charlie Parker vor mehr als einem halben Jahrhundert seine hyperschnellen Soli aus den oberen Tönen der Akkorde der jeweiligen Themen entwickelte und auch als John Coltrane vor fast vierzig Jahren mit den Aufnahmen zu »Interstellar Space« das Jazz-Solo endgültig vom Zwang zu Harmonik und Metrik befreite, waren beiden trotz aller Freiheit zwei Aspekte gemein: Improvisation galt als psycho-akustische Äußerung der inneren Befindlichkeit der Künstlerindividualität einerseits und als Ausdruck handwerklicher, also mit dem eigenen menschlichen Körper (Lunge, Mund, Hände) und mit mechanischen Instrumenten vollzogener Arbeit andererseits. »Authentizität« rückte im Laufe der Jazzentwicklung bis hin zum Freejazz ins Zentrum des Jazzdenkens, wurde für Musiker, Hörer und Kritiker gleichermaßen zum zentralen Bezugsideologem, und ihr Träger war das improvisierte Jazz-Solo. Was aber ist Improvisation heute, im Zeitalter der Digitaltechnik? Mögliche Antworten können in Anlehnung an Positionen des Dada (Hans Richter: »Kunst und Anti-Kunst«) gefunden werden, dessen Protagonisten durch einen positiven Technikbezug und durch die konzeptionelle Hereinnahme von Alltagsrealität in das schöpferische Werk den Kunstwerkcharakter von Kunst attackierten und den Wertebegriff »Authentizität« ins Reich der Belanglosigkeit verwiesen.

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