Jazzclub Tonne

DER Jazzclub in Dresden!

Programm

2007 2008 2009

Samstag, 05.04.2008, 20.00 Uhr

Jazzclub Tonne, Königstraße 15, 01097 Dresden

Eintritt Ak. 15 | 11 EUR

Festivalpass (25.03.2008 – 05.04.2008) Ak. 45 | 30 EUR

 

PAOLO SORGE TRINKLE TRIO [i]

Schräg und spannungsvoll: Wie Thelonius Monk im heutigen Sizilien klingt

Paolo Sorge [g, electronics] Tony Cattano [tb] Francesco Cusa [dr]

Italiener interpretieren die eigenwilligen Kompositionen des wohl skurrilsten Jazzkomponisten der Nachkriegszeit, die von Thelonius Monk. Und so wie Monk kein beliebiger Jazzpianist und -komponist, sondern ein einzigartiger Künstler des zeitgenössischen Jazz, war, sind diese Italiener auch etwas Besonderes: als Sizilianer haben sie die Musik der süditalienischen Bandas, großer Blas-Marschkapellen, im Blut, die bis heute bei keinem weltlichen oder kirchlichen Fest im Süden fehlen dürfen. Gleichzeitig sind die drei ausgewiesen freigeistige Musikanten des zeitgenössischen Jazz und verblüffend humorvolle Typen – sie überbrücken also Grenzen gleich mehrfach: sowohl geografische, insbesondere aber kulturelle, und schaffen einen völlig neuen, künstlerisch sehr ambitionierten, dennoch humorvollen Zugang zum Werk Thelonius Monks, ja zum Modern Jazz überhaupt. Auf wenn könnte die Formulierung von der »Europäisierung des Jazz« besser zutreffen als bei diesen Drei, die europäische Avantgarde, mediterrane Volksmusiktradition und neuen Jazz zusammenbringen? Zeitweise zersplittert das Trio die Musik Monks in viele kleinere Teil-Themen und Motive, um diese dann neu gemustert wieder zusammenzusetzen. Gitarrist Paolo Sorge nutzt teils auch Elektronik für diese Kreativ-Spritztour durch die Monk’schen Gefilde, wodurch ihm eine verblüffende Interpretationsweise gelingt.

 

OCA – ORNETTE COLEMAN ANTHOLOGY [j/d]

Ornette Colemans alte Stücke neu interpretiert

Aki Takase, die Grande Dame des in der Tradition fundierten und der Freiheit aufgeschlossenen Jazzpianos, trifft sich mit Silke Eberhard, der jüngeren, inzwischen mit eigenen Bands profilierten Saxofonistin. Sie spielen die frühen Ornette-Coleman-Stücke. Und bald wird klar: diese machen süchtig. Sie sind nicht nur Ohrwürmer.

Sie erweisen sich nur vordergründig betrachtet als simpel und vermögen zu höchster Komplexität anzustiften. Sie sind Provokation. Anstiftung zur totalen, gestalteten Freiheit. (Bert Noglik)

Und Christian Broecking schreibt in der ZEIT:

Aki Takase und Silke Eberhard interpretieren Ornette Colemans alte Stücke neu. Ihre Improvisationen sind kraftvoll und kurzweilig.

Es ist dem Saxofonisten Ornette Coleman kaum möglich, über seine Musik zu sprechen, ohne das Wort Liebe zu gebrauchen. Musik sei etwas fürs Gefühl, die Unsterblichkeit im Hier und Jetzt, sagte Coleman, als 1959 seine Platte The Shape Of Jazz To Come erschien. Die Aufnahme prägte ein neues Formverständnis und dokumentierte seine Suche nach der Erweiterung des emotionalen Ausdrucks im Jazzvokabular. Sie legte einen Grundstein für den Free Jazz. Ornette Colemans Kompositionen Lonely Woman und Peace sind Plädoyers für die lyrische Freiheit in der Musik, mit Congeniality, das er einem Wanderprediger gewidmet hatte, wollte er das besondere Verhältnis des Musikers zu seinem Publikum ausdrücken. Die CD-Box Beauty Is A Rare Thing mit Aufnahmen aus seinen Anfangsjahren ist eines der schönsten Liebes-Geschenke aus Jazzmusik, das man machen kann.

Die Musikerinnen Aki Takase und Silke Eberhard haben nun die eindringlichsten seiner Stücke aus den Jahren 1959 bis 1968 neu interpretiert für ihr Doppelalbum Ornette Coleman Anthology. Vom ersten Ton an ist hörbar, wie fasziniert die beiden in Berlin lebenden Musikerinnen von Ornette Coleman sind. Lieder, die Anfang der sechziger Jahre als revolutionär und unnahbar galten, klingen jetzt wie kammermusikalische Kleinoden. Man kann sich kaum mehr vorstellen, wie die Kompositionen die Menschen damals verstörten und verwirrten. In den Neuinterpretationen tauchen plötzlich bekannte Melodien auf und verschwinden wieder. Sie kämen einem wie wunderbare Traumbilder vor, schreibt die japanische Schriftstellerin Yoko Tawada.

Die Musik der Pianistin Aki Takase steckt voller Individualität, Kraft und Ausdruck. In ihren Projekten gelingt ihr die überzeugende Verbindung der Klassiker des Genres mit zeitgenössischer Improvisation. Auch das Spiel der Klarinettistin und Saxofonistin Silke Eberhard ist von der Improvisation bestimmt. Das Handeln der Partnerin wird rasch analysiert und eine musikalische Antwort gefunden. Das kurzweilig Implodierende in dieser Musik nimmt bei den beiden atemberaubende Züge an – sie machten es sich auch nicht gerade einfach, sagt Eberhard.

Mit der Ornette Coleman Anthology geht es Aki Takase und Silke Eberhard nicht um Kunststückchen und auch nicht um Besserwisserei. Der Klang müsse von innen wachsen, sagt Takase – alles dreht sich um die Liebe.

(Christian Broecking, Die Zeit, 20. 8. 2007)