{„de“:“Günter Sommer verlässt die Musikhochschule und gibt am 10. Juli 2008 (20 Uhr) sein diesbezügliches Abschiedskonzert auf dem Parkhausdeck Nummer 5 des Universitätsklinikums Dresden. Veranstalter sind »Jazz im Uniklinikum« und der Jazzclub Neue Tonne Dresden.\n\nMartin Morgenstern stellte dem scheidenden Jazzprofessor, der natürlich auch nach seinem Ausscheiden aus dem Hochschuldienst die Jazzbühnen der Welt »betrommeln« wird, einige Fragen. Das Original des Interviews ist im Dresdner Universitätsjournal 12/2008 zu lesen.\n\nMartin Morgenstern: Günter »Baby« Sommer, Sie haben in den sechziger Jahren an der Dresdner Musikhochschule »Tanz- und Unterhaltungsmusik« studiert und haben in den letzten dreizehn Jahren selbst als Professor für Percussion und Schlagzeug dort unterrichtet. Wie haben sich die Anforderungen an einen Jazzstudenten in dieser Zeit geändert?\nGünter »Baby« Sommer: Er muss heute das Wissen um 40 Jahre mehr Jazzgeschichte in sein Studium einbeziehen. Das ist ein Labyrinth, was er zu durchwandern hat. Dort noch seinen eigenen Ausgang finden, ist eine sehr große Anforderung an eine Jazzstudenten von heute.\n\nSie haben das Fach »Freie Improvisation« in das Kurssystem der Hochschule eingeführt. Wie baut man da eigene Strategien, wie wichtig sind Vorbilder?\nBei der Freien Improvisation geht es wahrlich um die Selbstfindung. Es hilft einem dabei kein vorgegebener Kompositionsrahmen. Vorbilder spielen dabei keine Rolle. Denn mit Vorbildern geht die Eigenverantwortung verloren. Hinzukommen die ganzen psychosozialen Faktoren des Zusammenspiels. Es braucht viel Mut und Lust dazu. Die bringen heute leider nur wenige auf.\n\nWelche Chancen hat ein genialer Außenseiter heute überhaupt, eigene musikalische Ideen auszuleben?\nSeine Persönlichkeit und der Mut, sich nicht von verkaufbaren Geschmackskriterien abhängig zu machen.\n\nSie haben mit Günter Grass und Christoph Hein konzertiert. Was macht den Reiz so einer Kollaboration aus?\nDas Wort als Spielpartner zu haben impliziert ein ganz anderes Spielverhalten. Es bringt die semantische Ebene des Trommelns an die Oberfläche. Der Sprachduktus eines Partners, der mit Worten agiert, verlangt eine andere Sensibilität als die freie Rede und Gegenrede zweier Instrumentalisten. Auch hat die Textverständlichkeit immer Vorrang. Man betritt neue Bezugsfelder, wenn man musikalisch mit Texten arbeitet. Mit Malern ist es übrigens noch einmal anders, weil der akustische Austausch wegfällt und der Musiker das Gefühl des Solospiels hat. Hier spielen ähnlich wie mit Tänzern, andere Energien eine große Rolle. Ich habe das mehrfach praktiziert. Sowohl mit Malern, als auch mit Tänzern.\n\nWenn wir gerade bei Malern sind: viele Ihrer über 90 Platten haben wunderschöne Cover. Das für eine der jüngsten CDs nutzt ein Gemälde von Strawalde. Sind Sie selbst der Musik künstlerisch schon einmal entkommen, haben sich als Fotograf, Maler oder Schriftsteller probiert?\nMeine Beziehung zu Malern ist sehr eng und macht einen großen Teil meines Freundeskreises aus. Das Malen aber überlasse ich ihnen. Ich lese viel und habe auch die Aufgabe in meiner Zusammenarbeit mit Günter Grass, alle Texte unserer Programme aus seinen oft sehr dicken Büchern auszusuchen, meine eigene Schreibtätigkeit beschränkt sich aber auf Begleittexte zu meinen CDs.\n\nIm Sommer verlassen Sie die Hochschule. Wie ist die musikalische Thronfolge geregelt? Welche neuen Kometen sehen Sie schon am Dresdner Jazzhorizont anfliegen?\nDas ist ein öffentliches Berufungsverfahren, dem ich in keiner Weise vorgreifen kann. Man wünscht sich natürlich einen sogenannten Leuchtturm, aber es ist nicht leicht, jemanden zu finden, der eine internationale Konzerttätigkeit ausübt, den Anforderungen institutioneller Lehr- und Leitungstätigkeit gerecht wird und obendrein noch in Dresden ansässig sein will. Und was einen kurzen Rückblick auf die Hochschultätigkeit anbetrifft: Im studentischen Bereich bin ich sehr froh, dass es immer wieder einige junge Musiker mir künstlerischen Intentionen gibt, die sich aus der erfolgssüchtigen Masse herausnehmen. Die Schlagzeuger Matthias Macht, Christian Lillinger, Hannes Lingens, der Saxophonist Robert Menzel, der Trompeter Marcus Rust und Demian Kappenstein mit seinem Trio und dem daran gekoppelten Projekt »feature – ring« wären da zu nennen.\n\nDie Fragen stellte Martin Morgenstern.„}